Miklós Erdély

Extrapolationsübungen

 

1. Versuche, die Dummheit deiner Zeit einzuschätzen, indem du dir irgendeine Zukunft auf dem augenblicklichen allgemeinen Stand der Anschauungen vorstellst:         Deine Vorstellung wird sich zur Realisierung so verhalten, wie die alten Vorstellungen zur realisierten Gegenwart.

Dieses Verhältnis ist ein getreues Abbild der jeweiligen Beschränktheit.

Versuche es auf die Gegenwart bezogen nachzuempfinden.

Alte Vorstellung                                       = A

Realisierte Gegenwart                            = B

Jetzige Vorstellung von der Zukunft   = C

Realisierte Zukunft                                 = x

A : B = C : x

B C = x

A

 

2. Stell dir vor, wie die Kunst in sechzig Jahren sein wird. Korrigiere deine Vorstellung entsprechend dem Ausmaß der schon heute offensichtlichen Irrtümer und arbeite so.

3. Der Anschauungsstand jeder Zeit manifestiert sich in ihrem verbindlichen Stil. Der Stil widerspiegelt die Struktur der Denkweise. Die Zeiten irren sich durch den Stil.

4. Keine Zeit ist fähig, sich über ihren Stil zu erheben. Durch die versteinerte Struktur der Anschauung bleiben bestimmte Entdeckungen lange unverdaulich und sind nicht in der Lage, sich organisch in die allgemeine Denkweise einzufügen.

5. Der Stil wird in entscheidendem Maße von den Künsten gestaltet. Die Künstler aber sind nicht fähig, den Zustand des Anschauungs-Provisoriums zu ertragen, und deshalb behandeln sie jeden der einander immer schneller abwechselnden Stile wie einen endgültigen Stil.

6. Im Taumel ihrer Zeit projizieren die Menschen ihre augenblickliche Anschauung auf das ganze Universum (s. C.E.T.I.).

 

 

Übersetzt von Hannelore Schmör-Weichenhain